© Aargauer Zeitung / MLZ; 17.03.2007
Das traditionelle Feuilleton stirbt. Und jetzt?
mediendebatte Kulturschaffende beklagen oft Verdrängung und Verbanalisierung der Kultur in den Medien. Zu Recht? In Solothurn widmete sich eine Tagung dem Stellenwert der Kultur in den Medien.
«People-Berichterstattung» und «Copy-Paste-Journalismus»: Mit diesen Schlagworten und bitterer Betroffenheit beklagte Konrad Tobler, der von der «Berner Zeitung» entfremdete Kulturjournalist, das Ende des profunden Kulturjournalismus, nein mehr: den «Ausverkauf und die Verluderung eines Metiers».
Die Tagung «Kultur ohne Medien Medien ohne Kultur» begann im Alten Spital von Solothurn mit einem Vortrag in der Tonalität einer Grabesrede, zu der die meisten Kulturveranstalter und Journalisten passend gekleidet erschienen: schwarz.
Bei weiteren Schlagworten wie «Sternchenkritiken» oder «20-Minuten-Niveau» legten viele die Stirne in Sorgenfalten und nickten stummen Beifall. Keine Frage: Während draussen die Sonne schien, schien drinnen mit dem Feuilleton das Abendland unterzugehen, oder zumindest «eine Plattform, auf der wir in den letzten 20 Jahren unsere Themen und Begriffe verhandelt haben», wie Pro-Helvetia-Direktor Pius Knüsel erklärte.
Den betroffenen widersprach bald der mit Distanz reflektierende Berliner Medienwissenschafter Norbert Bolz. «Wir sind im Alltag permanent mit einem Zuviel an Informa- tion konfrontiert», kontextualisierte er das Thema in der Ökonomie der Aufmerksamkeit. «Ein Reichtum an Information schafft eine Armut an Aufmerksamkeit.» Die Aufmerksamkeit sei heute das kostbarste Gut und müsse «fasziniert» werden. Die Medien erreichten dies mit Emotionalisierung, Personalisierung und Skandalisierung. Einen Nachteil für die Kultur mochte Bolz nicht ableiten: Der Wettbewerb der Anbieter garantiere, dass auch Kultur abgedeckt werde. Zudem würden dank dem Internet neue Formate wie sehr subjektive Analysen entstehen.
Dem Pessimismus widersprach auch Peter Buri, Chefredaktor der Aargauer Zeitung. «Wir haben die Kultur ausgebaut, weil sie eine Wachstumschance im Lesermarkt darstellt, vor allem bei den Frauen.»
Mit der Lust des Provokateurs behauptete der Medien- analyst und «Weltwoche»-Kolumnist Kurt W. Zimmermann die These, die Kulturschaffenden überschätzten ihre Bedeutung permanent. Fördern würden dies die Kulturjournalisten, die mit ihnen ein «verfilztes und militantes Gesinnungskartell» bildeten. «Im Unterschied zu anderen Zeitungsressorts wie Sport, Wirtschaft oder Politik berichten Kulturjournalisten nie über Auswüchse.» Und mit spitzbübischem Lächeln doppelte er nach: «Noch nie hat ein Kulturjournalist eine Kulturvorlage zur Ablehnung empfohlen.» Man überlegte unweigerlich: Hat schon mal ein Sportjournalist eine Stadionvorlage abgelehnt?
Trotz teilweise fehlender Nachhaltigkeit in der Argumentation hallte die Standpauke nach. Im anschliessenden Work- shop mussten sich viele zu «Zimmi» verhalten und manch einer gestand: «Zum Teil hat er nicht unrecht.»
Die Tagungsteilnehmer waren sich am Donnerstag einig: Kultur braucht ihren Platz in den Medien. Warum eigentlich? Beim Argumentieren operierten viele mit dem deutschen Soziologen Niklas Luhmann, erstaunlicherweise ohne ihn zu kennen oder zu nennen. In seinem Standardwerk «Die Realität der Massenmedien» beschreibt Luhmann die Medien als strukturelle Voraussetzung für Kultur: «Alles, was wir über die Welt wissen, wissen wir durch die Massenmedien.» Kultur ist demnach, was in den Medien «erinnert» wird. Das wäre eigentlich eine hochstehende Diskussionsgrundlage gewesen, die sich angesichts des Tagungstitels aufgedrängt hätte.
Auf der anregenden Veranstaltung trauerten viele dem bildungsbürgerlichen Feuilleton nach und blendeten aus, dass sich der Kulturbegriff erweitert hat und längst Filmstars oder Rap einschliesst. Solche Inhalte begünstigen, zumal im Zeitalter des Internets, neue Formate des Erinnerns. Wohl deshalb hat diese Woche die «NZZ» im letzten Feuilleton des Landes Filmkritiken mit Sternchen eingeführt.
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